Gruppenfoto bei Überreichung der Urkunden "Integrationspreis Handwerk NRW" an Fleischermeister Simon Claßen und Verlobte Frau Nina Hamm.
Handwerkskammer Aachen - Doris Schlachter
HWK-Präsident Marco Herwartz, Vizepräsident Felix Kendziora und Hauptgeschäftsführer Georg Stoffels überreichten die Urkunde persönlich in Jülich an Fleischermeister Simon Claßen und Verlobte Frau Nina Hamm. Mit dabei waren auch Claßens Eltern Franz-Peter und Anke, die ebenfalls noch in der Fleischerei tätig sind. Sohn Simon hat den Betrieb vor fünf Jahren übernommen. Auch die vier vietnamesischen Auszubildenden Ly, Linh, Anh Tuan und Hieu waren bei der Übergabe dabei.

News vom 02.06.2026Ausgezeichnete Integration im Fleischerhandwerk

Die Fleischerei Claßen aus Jülich erhält den Integrationspreis Handwerk NRW für ihr besonderes Engagement bei der Ausbildung vietnamesischer Nachwuchskräfte

In der Fleischerei Claßen in Jülich gehört ein bisschen Aufsehen inzwischen fast schon zum Alltag. Wenn Kameras klicken, Interviews geführt und Notizblöcke umgeblättert werden, wundert sich die Kundschaft zwar kurz – ganz ungewohnt ist das Blitzlichtgewitter in der Fleischerei ihres Vertrauens aber nicht mehr. Schließlich hatten bereits regionale Medien über das besondere Engagement des Familienbetriebs berichtet. Nun gab es erneut einen offiziellen Anlass: Die Handwerkskammer (HWK) Aachen hat die Fleischerei Claßen mit dem Integrationspreis Handwerk NRW ausgezeichnet.

HWK-Präsident Marco Herwartz, Vizepräsident Felix Kendziora und Hauptgeschäftsführer Georg Stoffels überreichten die Urkunde persönlich in Jülich an Fleischermeister Simon Claßen und Verlobte Frau Nina Hamm. Mit dabei waren auch Claßens Eltern Franz-Peter und Anke, die ebenfalls noch in der Fleischerei tätig sind. Sohn Simon hat den Betrieb vor fünf Jahren übernommen. Auch die vier vietnamesischen Auszubildenden Ly, Linh, Anh Tuan und Hieu waren bei der Übergabe dabei.

Der Integrationspreis Handwerk NRW würdigt Betriebe, die sich in besonderer Weise für die berufliche und soziale Integration von Menschen mit Einwanderungsgeschichte einsetzen. Vergeben wird die Auszeichnung alle zwei Jahre vom Westdeutschen Handwerkskammertag (WHKT), dem Dachverband der sieben Handwerkskammern in Nordrhein-Westfalen. Im Kammerbezirk Aachen ging der Preis in diesem Jahr an einen Betrieb, der zeigt, wie Integration im Handwerk praktisch gelingen kann: durch Ausbildung, Vertrauen, Unterstützung und ein starkes Teamgefühl.

„Integration funktioniert da am besten, wo man in die Gesellschaft aufgenommen wird. Das Handwerk ist in erster Linie familiengeführt, und deswegen gelingt Integration im Handwerk am besten“, sagte HWK-Präsident Marco Herwartz bei der Übergabe. Die Fleischerei Claßen sei dafür ein hervorragendes Beispiel: ein Familienbetrieb, der jungen Menschen nicht nur einen Ausbildungsplatz bietet, sondern sie im Alltag begleitet und ihnen eine Perspektive eröffnet.

Simon Claßen und Nina Hamm können das nur bestätigen. Für sie bedeutet erfolgreiche Integration nicht allein, dass die Auszubildenden Deutsch lernen und ihre fachlichen Aufgaben im Betrieb übernehmen. Genauso wichtig ist dem Paar, die jungen Menschen einzubinden – in das Team, in die Abläufe der Fleischerei und in das Leben vor Ort.

Dazu gehört auch ganz praktische Begleitung: Die vier Azubis wohnen in unmittelbarer Nähe zur Fleischerei; bei der Suche nach Wohnraum hat der Betrieb geholfen. Gerade am Anfang begleiteten die beiden Fleischermeister ihre Auszubildenden auch bei Verwaltungsgängen oder Arztbesuchen. Was für andere selbstverständlich erscheint, kann in einem neuen Land mit anderer Sprache und unbekannten Strukturen eine große Hürde sein. Der Jülicher Familienbetrieb sorgt dafür, dass diese Hürden kleiner werden.

Inzwischen hat sich Simon Claßen zudem mit dem Welcome Center für das Rheinische Revier vernetzt. Das von der Handwerkskammer Aachen mit initiierte Projekt im Rahmen der NRW-Fachkräfteoffensive unterstützt Betriebe und internationale Fachkräfte beim Ankommen in der Region. Für die vietnamesischen Auszubildenden der Fleischerei Claßen geht es dabei um spezifische Sprachförderung mit Blick auf die anstehenden Prüfungen im Fleischerhandwerk.

Auch im Arbeitsalltag ist die Unterstützung spürbar. Wenn sprachlich noch nicht alles sofort verständlich ist, helfen Kolleginnen und Kollegen weiter. Die Auszubildenden unterstützen sich gegenseitig; wer schon länger da ist, erklärt den Neuankömmlingen Abläufe und übersetzt, wenn es nötig ist. So wächst nach und nach ein eingespieltes Team.

Die Fleischerei Claßen ist ein inhabergeführtes Familienunternehmen mit rund 20 Beschäftigten. Aktuell bildet der Betrieb sieben junge Menschen aus – ein Drittel des gesamten Teams. Vier von ihnen kommen aus Vietnam: Ly, Linh, Anh Tuan und Hieu. Zuvor haben bereits zwei junge Menschen aus Albanien ihre Ausbildung im Betrieb erfolgreich und mit guten Noten abgeschlossen.

Dabei werden die Auszubildenden bei Claßen aktiv eingebunden. Sie arbeiten im Verkauf und in der Produktion mit, lernen das Fleischerhandwerk von Grund auf kennen und bringen eigene Ideen ein. In der Produktentwicklung entstehen gemeinsam neue Spezialitäten – darunter zahlreiche Bratwurstsorten, für die die Fleischerei weit über Jülich hinaus bekannt ist. Auch Rezepte und Geschmacksrichtungen aus Vietnam werden ausprobiert und kommen bei der Kundschaft gut an. Vielfalt wird hier erlebbar: im Team, an der Theke und auf dem Teller.

Für die beiden Fleischsommeliers Simon Claßen und Nina Hamm war dieser Weg nicht nur eine Herzensentscheidung, sondern auch eine Antwort auf eine Herausforderung, die viele Handwerksbetriebe kennen: geeignete Nachwuchskräfte zu finden. Statt abzuwarten, sind sie neue Wege gegangen. Über Kontakte zu einer Sprachschule mit Standorten in Deutschland und Vietnam wirbt die Fleischerei aktiv um junge Menschen, die in Deutschland eine Ausbildung im Handwerk absolvieren möchten.

Mit Erfolg: Die Auszubildenden bringen Motivation, Neugier und den Willen mit, sich in Deutschland eine berufliche Zukunft aufzubauen. Der Betrieb bringt Offenheit, Geduld und die Bereitschaft mit, mehr zu tun als das Nötigste. Genau an dieser Schnittstelle gelingt Integration.

Stimmen zum Integrationspreis Handwerk NRW 2026

NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer: „Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger sind die Vorbilder, die unser Land braucht. Sie zeigen ein Nordrhein-Westfalen, auf das wir stolz sein können: weltoffen, pragmatisch und leistungsstark. Die Betriebe, die mit dem Integrationspreis der Handwerkskammern in NRW geehrt werden, vermitteln nicht nur handwerkliches Wissen, sondern sie schenken Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensbiografien eine berufliche Perspektive, begleiten sie tagtäglich in ihren Lernprozessen und motivieren sie, sich weiterzuentwickeln. Das ist gelebte Integration, die uns alle erfolgreich macht. Dafür danke ich Ihnen im Namen der Landesregierung sehr!“

WHKT-Präsident Berthold Schröder: „Der Integrationspreis des Handwerks in Nordrhein-Westfalen zeigt, was unser Handwerk stark macht: Offenheit, Zusammenhalt und die Überzeugung, dass Vielfalt ein Motor für Innovation und Zukunftsfähigkeit ist. Wer Menschen Chancen gibt, gewinnt Fachkräfte, Ideen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Genau das möchten wir mit dem Preis würdigen und als gutes Beispiel hervorheben.“

WHKT-Hauptgeschäftsführer Dr. Florian Hartmann: „Der Integrationspreis macht sichtbar, dass Fach- und Arbeitskräfte ausländischer Herkunft im Handwerk nicht nur willkommen sind, sondern fester Bestandteil einer gemeinsamen Handwerkskultur. Und obwohl das Thema Fachkräfteeinwanderung gerade für kleine und mittlere Unternehmen zu den bürokratischen Schwergewichten zählt, sind wir überzeugt, gerade diese Säule der Fachkräftegewinnung für das Handwerk weiter ausbauen zu müssen. Allein die demografische Entwicklung lässt uns kaum eine andere Chance – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Wir brauchen Fachkräfte und wir müssen dafür sorgen, dass diese bestmöglich in den Betrieben ankommen, dort ihre Kompetenzen entfalten und vor allem auch langfristig bleiben. Schließlich geht es um nichts weniger als unsere Leistungsfähigkeit.“