Seine Vergangenheit soll nicht bestimmen, wer er künftig ist: Nach viereinhalb Jahren Gefägnis ist Nico M. auf freiem Fuß und steht jetzt mit beiden Beinen im Leben. Beruflich hat er bei der Schwarz Bau GmbH Fuß fassen können.
News vom 19.06.2026Mit beiden Beinen zurück ins Leben
Nach viereinhalb Jahren Haft startet Nico M. bei der Schwarz Bau GmbH in Erkelenz neu durch – und will im Handwerk Fuß fassen
Text: Peter Dohmen, Doris Schlachter
Als Nico M. an seinem ersten Arbeitstag bei der Schwarz Bau GmbH in Erkelenz auf die Baustelle kommt, liegt ein ganzes Leben hinter ihm. Und zugleich ein neues vor ihm. Nico ist 20 Jahre alt. Mit 15 kam er in die JVA Heinsberg. Viereinhalb Jahre hat er dort verbracht. Seit dem 25. März ist er wieder draußen. Am 15. April begann er bei dem Bauunternehmen aus Erkelenz-Schwanenberg. Die Probezeit hat er inzwischen erfolgreich bestanden. Seine Chefs Lukas und Tom Schwarz sagen das mit Überzeugung. Und für Nico ist das mehr als ein Arbeitsvertrag. Es ist die Chance, neu anzufangen.
»Jetzt möchte ich erstmal Fuß fassen bei Schwarz«, sagt der 20-Jährige. Man merkt ihm an, dass dieser Satz Gewicht hat. Denn der Weg zurück in den Alltag ist für ihn kein einfacher gewesen. Im letzten Monat vor seiner Entlassung hatte Nico Ausgang, um sich langsam an die Freiheit zu gewöhnen. Die Entlassung selbst habe er gut gemeistert, erzählt er. Allerdings hatte ich anfangs Probleme mit Menschenmassen, aber das geht jetzt auch.«
Ganz frei fühlt er sich trotzdem noch nicht. Fünf Jahre Führungsaufsicht gehören zu seinen Auflagen, eine Bewährungshilfe begleitet ihn. Nico beschreibt es so: »Ich bin also quasi noch mit einem Bein im Knast.«
Bei Schwarz Bau aber steht er jeden Morgen mit beiden Beinen im Arbeitsleben. Das Familienunternehmen realisiert Einfamilien-, Doppel- und Mehrfamilienhäuser – meist in einem Umkreis von rund 100 Kilometern um den Firmensitz. Von der Planung bis zur Schlüsselübergabe begleitet der Betrieb seine Projekte. Für Nico ist es ein Umfeld, in dem er ankommen kann. »Meine Chefs und Kollegen sind nett und haben mich sehr gut aufgenommen«, sagt er. Sie erklärten ihm viel, stünden ihm zur Seite und gäben ihm das Gefühl, dazuzugehören.
Lukas und Tom Schwarz haben ihrem neuen Mitarbeiter von Anfang an die Entscheidung überlassen, ob er von seiner Vergangenheit erzählen möchte. Nico hat sich dafür entschieden. »Ich habe meinen Kollegen dann auch direkt am Anfang gesagt, dass ich im Gefängnis war, weil ich Scheiße gebaut habe.« Dass er trotzdem offen aufgenommen wurde, bedeutet ihm viel. »Es gab keine Vorbehalte«, sagt er. Für ihn ist das nicht selbstverständlich.
In der JVA Heinsberg hat Nico bereits berufliche Grundlagen gelegt. Neun Monate absolvierte er dort eine Teilqualifizierung im Straßenbau, anschließend eine einjährige Ausbildung zum Maurer. Wenn er im kommenden Jahr seine Ausbildung bei Schwarz Bau beginnt, wird ihm diese Zeit zugutekommen. Noch aber denkt Nico bewusst Schritt für Schritt. Erst ankommen. Erst Stabilität gewinnen. Erst beweisen, dass er diesen Weg gehen will.
Der Blick zurück fällt ihm nicht leicht. Die Haftzeit habe ihn geprägt, sagt Nico. Anfangs habe er sich sehr zusammenreißen müssen, um klarzukommen. Zwar habe es Hilfsangebote gegeben. »Aber am Ende bist du auf dich selber angewiesen.« Er sei als Kind ins Gefängnis gekommen und als Erwachsener wieder entlassen worden. Dazwischen lagen Jahre, in denen er sich mit sich selbst, seiner Vergangenheit und seiner Tat auseinandersetzen musste.
Aufgewachsen ist Nico in Mönchengladbach-Rheydt, in schwierigen familiären Verhältnissen. Gewalt habe er früh kennengelernt. »Auch wenn ich wusste, dass es nicht richtig ist, war ich in dem Teufelskreislauf drin«, sagt er rückblickend. Heute zieht er klare Grenzen. Für Nico bedeutet Familie nicht mehr nur Blutsverwandtschaft. Familie heißt für ihn: füreinander da sein. Weil das in seinem Leben oft nicht der Fall gewesen sei, hat er den Kontakt zu einem Großteil seiner Familie abgebrochen – ebenso zu seinem alten Freundeskreis. Zu einigen wenigen Menschen hält er noch Kontakt. »Die sind aber auch in Ordnung«, sagt er.
Auch zur JVA Heinsberg braucht Nico im Moment Abstand. Die Unterstützung dort sei gut gewesen, betont er. Aber jetzt müsse er nach vorne schauen. »Ich brauche jetzt erstmal Abstand zu meiner Vergangenheit im Knast. Wenn die Zeit gekommen ist, melde ich mich dort noch mal.«
Dass dieser neue Weg gelingt, hängt nicht nur an Nico selbst. Es braucht auch Betriebe, die jungen Menschen nach einer Haftstrafe eine reale Chance geben. Bei Schwarz Bau hat Nico diese Chance bekommen – ohne Vorurteile. Die Chefs und Kollegen sehen, was er heute mitbringt: Einsatz, Lernbereitschaft und den Willen, sich etwas aufzubauen.
Nico weiß, dass seine Vergangenheit nicht verschwindet. Aber sie soll nicht bestimmen, wer er künftig ist. Auf der Baustelle zählt, was er anpackt. Was er lernt. Wie zuverlässig er ist. Und ob er dranbleibt.
Sein Ziel ist klar: nächstes Jahr die Ausbildung beginnen, im Betrieb weiter Fuß fassen, ein neues Leben aufbauen. Vielleicht ist Freiheit für Nico im Moment noch nicht grenzenlos. Aber sie hat eine Richtung bekommen: Sie führt morgens auf die Baustelle.